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Jan 30, 2012
admin

Ian Thorpe – Wann kommt der große Sprung?

Mühsam – so kann man Ian Thorpes Weg zurück in die Spitze des Schwimmsports derzeit beschreiben. Nach wie vor wartet der einstige Superstar auf den einen Wettkampfeinsatz, der ihm auf dem Weg zu den australischen Olympia-Trials endlich das nötige Selbstbewusstsein verschafft. Nur in kleinen Schritten kommt er derzeit voran. Nie konnte er mit seinen bisherigen Comeback-Wettkämpfen vollends zufrieden sein.

Bei seinem ersten Auftritt auf heimischem Boden vor zwei Wochen konnte er einen Fortschritt über die 200m Freistil verbuchen, enttäuschte jedoch über die 100m. Beim Euro Meet in Luxemburg am vergangenen Wochenende konnte er sich über die 200m Freistil nicht weiter steigern, war mit seiner Leistung nicht zufrieden. “Das war nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe”, erklärte er zu seiner Zeit von 1:51,51 Minuten. Doch auch diesmal gab es einen Hoffnungsschimmer. Über die 100m Freistil schwamm er in 50,78 Sekunden die schnellste Zeit seit seinem Comeback. Klar, das ist nach wie vor Welten von dem entfernt, das nötig wäre, um ihm einen Platz im australischen Olympiateam zu bescheren. Doch es ist erneut ein kleiner Schritt nach vorn.

Grund dafür, dass es in Luxemburg auf der längeren Strecke für Thorpe nicht rund lief, könnte die verstärkte Trainingsbelastung sein. Nach dem Wettkampf in Australien vor zwei Wochen machte sich bei Trainer Gennadi Touretski wohl die Erkenntnis breit, dass das derzeitige Training nicht genug ist. Er holte Thorpe daraufhin raus aus dem Becken, um mit ihm verstärkt an Land an der nötigen Fitness zu arbeiten. So seltsam das heutzutage klingt: Für Thorpe ist die Arbeit an Land neu. Er holte sich die notwendige Form stets im Wasser. Doch dazu reicht nun die Zeit nicht mehr. “Der Schlüssel ist, dass er athletisch derzeit nicht das nötige Niveau hat. Also muss er mehr Zeit in Kardio-Übungen investieren”, so Touretski. Erstmals waren von ihm nach dem Wettkampf in Australien auch kritische Töne über Thorpe zu hören: “Er trainiert nicht genug.” Die Belastungen wurden also mittlerweile erhöht, was eine Erklärung vor allem für die schwache zweite Rennhälfte Thorpes über die 200m Freistil sein könnte. Dazu passt auch die Aussage des australischen Chef-Coaches Leigh Nugent. “Er sah aus, als sei er sehr erschöpft”, erklärte dieser nach Thorpes Auftritt über die 200m. Das Landtraining habe ihm wohl eine ganz neue Art von Müdigkeit verschafft.

Es dürften arbeitsreiche Wochen werden, die nun auf Thorpe zukommen. Um für etwas mehr Motivation im Training zu sorgen, bekommt seine Trainingsgruppe in der Schweiz weiteren Zuwachs. Der Russe Andrey Grechin, der bei der EM 2010 mit der 4x100m Freistilstaffel Gold holen konnte, wird neuer “Sparingspartner” für Thorpe. Er sei in seiner Art ähnlich dem australischen Weltmeister James Magnussen, beschrieb Touretski den Neuzugang in seiner Trainingsgruppe. Angeblich sollen auch finanzielle Anreize Thorpe dazu motivieren bis zu den Trials noch einmal alles zu geben. So soll ein Sponsor ihm einen siebenstelligen Geldbetrag für die erfolgreiche Olympiaqualifikation geboten haben.

Konkurrent Magnussen selbst kann derzeit daheim in Australien mit Spitzenleistungen glänzen. Über die 100m Freistil brachte er bereits eine Zeit von 48,05 Sekunden ins Wasser und es dürfte unwahrscheinlich sein, dass er dies bei den Olympia-Trials in Downunder nicht noch steigern könnte. Vom 15. bis 22. März finden in Adelaide die Qualifikationswettkämpfe für London statt. Thorpe will sich Staffel-Tickets über die 100 und 200m Freistil sichern. Zur Absicherung nehmen die Australier für gewöhnlich jeweils sechs Athleten für die Staffeln mit. Über die 100m Freistil dürfte selbst dies schwer werden für Thorpe. Neben Magnussen konnte auch Matt Targett bereits mit einer Zeit von unter 49 Sekunden glänzen. Fünf weitere Australier blieben 2012 unter 50 Sekunden, darunter auch Staffel-Weltmeister Matthew Abood und der 17-Jährige Youngster Cameron McEvoy. Vize-Olympiasieger Eamon Sullivan konnte dieses Jahr noch nicht herausstechen, doch auch mit ihm wird bei den Trials zu rechnen sein und auch Thorpes Comeback-Kollege Michal Klim präsentierte sich bisher überzeugender als der 29-Jährige.

Bei den australischen Meisterschaften im vergangenen Jahr war eine Zeit von 49,1 Sekunden notwendig um über die 100m Freistil auf Platz sechs zu schwimmen. Es kann also davon ausgegangen werden, das ein Platz im australischen Staffelteam nicht ohne eine Zeit von deutlich unter 49 Sekunden zu haben sein wird. Selbst zu Thorpes besten Zeiten lag seine stärkste Leistung über diese Strecke bei 48,56 Sekunden. Es ist zu bezweifeln, dass er derzeit in die Nähe dieser Zeit kommen kann. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, den das Meeting in Luxemburg bei seinem Auftritt über die 100m zu bieten hatte: Nach Markus Deibler, der das Rennen gewann, hatte Thorpe die schnellsten zweiten 50m des gesamten Feldes. Eine starke zweite Rennhälfte wird er vor allem über die 200m brauchen.Hier stehen seine Chancen trotz der enttäuschenden Leistung in Luxemburg wahrscheinlich etwas besser als über die 100m.

Bisher blieben in Downunder im Jahr 2012 über die 200m Freistil vier Athleten unter der Marke von 1:50 Minuten. Die stärkste Leistung brachte Jarrod Killey in 1:48,28 Minuten ins Wasser. Der 20-Jährige ist damit bereits jetzt (um den Staffelstart bereinigt) schneller als bei seinem Einsatz im australischen 4x200m Freistil-Quartett bei der WM in Shanghai im vergangenen Jahr. Neben ihm dürften auch seine damaligen Team-Kollegen Kenrick Monk, Ryan Napoleon und Thomas Fraser-Holmes bei den Trials im März in der Lage sein, Zeiten im Bereich von 1:47 Minuten zu schwimmen. Sollten diese vier in Adelaide in Form sein, dürfte es für Ian Thorpe schwer werden, vor ihnen anzuschlagen. Doch was zählt ist Platz sechs. Bei den australischen Meisterschaften 2011 war dafür eine Zeit von 1:48,9 Minuten notwendig. Dies dürfte jedoch bei weitem nicht ausreichen, um einen Platz im Olympiateam zu ergattern. Um die Plätze streiten sich neben dem WM-Quartett aus Shanghai etwa ein halbes Dutzend weiterer Athleten, darunter auch hier Youngster Cameron McEvoy, der WM-Staffel-Dritte von 2009 Tommaso D’Orsogna oder auch Nic Ffrost und Leith Brodi, die bei den Olympischen Spielen in Peking Bronze mit der Staffel holten. Doch von ihnen ist Thorpe weniger weit entfernt, als von den Konkurrenten über die 100m Freistil. Seine bisherige Bestleistung seit dem Comeback liegt bei 1:50,79 Minuten. Diese lag noch vor der hoffentlich wirksamen Trainingsumstellung. Ob diese für die zum Olympiaticket noch fehlenden zwei bis zweieinhalb Sekunden sorgen kann, werden wir schon bald sehen.

Bevor Thorpe Anfang März nach Australien reist, um sich rechtzeitig in seiner Heimat zu akklimatisieren, wird er in Europa wahrscheinlich noch einen weiteren Test einlegen. Er plant wohl am 25. und 26. Februar beim HiPoint Meeting in Zürich anzutreten. Wir dürfen also gespannt sein, ob die kommenden vier Trainingswochen Früchte tragen werden. Vielleicht platzt dann endlich der berühmte Knoten und statt kleinen Schritten macht Thorpe endlich den lang erwarteten Sprung nach vorn.

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